24
Jul 12

1333km – Grande Finale – Tag 35/35

Wie steht man auf am letzten Tagen eines so grossen Projektes? Gleich wie an jedem anderen Morgen. Spielt noch mit, dass wir ausserordentlich schlecht schliefen, die nahe Autobahn, sowie weitere mittlerweile ungewohnte urbane Geräusche und auch das Teilen des Womos mit der Familie. Im Wissen, dass nur noch alles einmal zu erleben ist, sind das nette Kleinigkeiten, die uns nicht verwirren sollen. Wir gehen es ruhig an, machen noch ein paar Aufnahmen vom Leuchtturm, der hier als Pendant zu demjenigen auf dem Oberalppass angebracht ist, oder umgekehrt. In der Mitte der Erasmusbrug, deren Kraft leider durch den mittlerweile dahinter hochgezogenen Klotz gebrochen wird, halten wir die Nase in den Wind und gehen gegen Westen. Eine Umarmung zwischen mir und Reto ist das Startsignal für den letzten Feldzug, jeder mit einer helvetischen Flagge bewaffnet, sind wir ja nun seit 6 Wochen auch Botschafter unserer Heimat, der Schweiz. Wir glauben dies auch ganz ordentlich getan zu haben, mit Wille und Fleiss und noch mehr Schweiss. Ihr alle habt uns unterstützt und mit den vielen positiven Gedanken mitgeholfen, uns getragen und an uns geglaubt.
Wir laufen los und mein Bruder bringt diese Szenen in die grosse Kamera, Jacqueline/Gianina winken uns Richtung Stadtausgang. Nun sind wir alleine auf dem Asphalt, die letzten Laufstunden gehören ganz uns. Was wir für Gefühle haben? Viele, viele Eindrücke die in uns hochkommen, die wir zulassen und alles Revue passieren lassen bis hoch zum Start in den Alpen und dem kleinen, idyllischen Toma See. Wir spüren auch, dass es nicht einfach ist loszulassen, über 40 Tage waren wir hochkonzentriert am Ball geblieben. Ja wir hatten sehr viel Spass zusammen, das konntet ihr den Blogeinträgen entnehmen. Trotzdem haben wir nie unsere Mission vergessen und unter anderem war es wahrscheinlich auch genau dieser gute Mix den wir gebraucht haben um die grosse Herausforderung sowie alle kleineren erfolgreich zu meistern. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmelszelt herunter auf uns kleine Menschlein, die wir versuchen etwas zu bewegen und uns dabei trotzdem nicht zu wichtig nehmen. Vielleicht befinden wir, sind andere auch aus diesem Grunde gescheitert, weil sie sich und nicht die Sache stellen wollten. Wir geniessen es zu leiden, machen aber nach dem ersten Drittel doch mal eine Läckerli-Pause im Schatten. Die Hochhäuser haben wir hinter uns gelassen und stossen schon bald auf eine Rheinkilometer-Tafel… schon sehr lange nicht mehr gesehen diese Markierungstafeln! Kein Lüftchen weht, das Thermometer zeigt 32°C an, Mittagspause ist ebenfalls nicht geplant und dann ist leider mal wieder gerade eine Brücke in der Sanierungsphase. Wir sind froh noch rund 3km mehr machen zu dürfen, wären ja sonst bloss 33 nach Plan. 🙂  Wir hüpfen nun auf dem direkt am Nieuwe Waterweg entlang verlaufenden Gehweg und sehen in einiger Entfernung ein etwas anderes blau, als jenes gleich zu unserer Linken im Fluss. Noch eine letzte leichte Flusskrümmung, vorbei an den imposanten Hochwasser-Schotts, die das dahinterliegende Land im Katastrophenfall schützen sollten. Diese Stahlriesen passen aus jeglicher Position nicht auf ein Photo, da wäre wohl ein Panorama-Modus erforderlich um euch unsere Sicht präsentieren zu können. Von da an begleitet uns mein Bruder per Bike und stellt den Kameramann. Zudem weiss er uns mitzuteilen, dass es nur noch 5km bis ins salzige Nass sind. Es rückt also immer näher und selbst hier können wir noch nicht ganz loslassen. Wir saugen die flimmernde Luft und auch alles andere in uns auf, das brauchen wir auch, denn ausser einem halben Müesli und 20 Basler-Läckerli haben wir heute noch nichts gegessen. Unsere Körper haben sich transformiert, wir spühren, wie man immer höheren Belastungen mit weniger Treibstoff standhalten kann. 1km vor dem Meer ist das Womo geparkt. Wir deponieren unsere Rücksäcke, Sonnenbrillen etc. darin, nehmen das Schweizer Fähnli in die Hand und sprinten quasi dieser Promenade entlang, die Leute schauen uns wie zwei Verrückte an. Egal, wir wissen um die Bedeutung dieses Momentes, laufen in den Sand über und nun trennen uns noch 100m vom Ziel! Hand in Hand oder Schulter an Schulter rennen wir immer weiter, hinein ins kühle Blau bis uns die Füsse nicht mehr tragen und dann ist es auch uns klar geworden: es geht nicht mehr weiter zu Fuss! Geschafft, vollbracht, over and end, genauso wie der Rhein in den Tiefen der Nordsee verschwindet.
Reto und ich umarmen uns lange und ich glaube ein paar Tränen des Glücks in seinen Augen zu sehen. Reto hat meinen allertiefsten Respekt! Wir sind überglücklich und können endlich loslassen, umso schöner ist es noch diesen Moment mit der Familie teilen zu dürfen!  Nach einer ausgelassenen Strandfeier mit Champagner-Dusche setzt eine Müdigkeit ein, derer sich mein Bruder und ich genüsslich hingeben.
Zur abendlichen Pokalübergabe bin ich dann doch wieder anwesend. Für diese einzigartige und handgefertigte Trophäe dürfen wir uns bei Antony und seiner kreativen Umsetzung bedanken. Grazie fitg! Wir freuen uns riesig, mit einer solchen Überraschung haben wir nicht gerechnet. War ja auch ein echt langer Weg für den Pokal, der GPS-Zähler zeigt für Reto eine effektive Distanz von 1425km an.

Herzlichen Dank an alle die auf irgendeine Art und Weise an diesem Projekt teilgenommen haben!

p.s. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, viele tausend Schritte für Reto Hunziker, ihre Rhein-Lauf-Majestät.


Copyright © 2019 1333km – RUN FOR KIDS
Proudly powered by WordPress, Free WordPress Themes